Senn auf Zeit – Tag zwei

04. Juli 2012

Mottfeuer auf der Alpweide, das nicht brennen will

Mehrere Hahnenschreie wecken mich auf.Ich blicke auf den neben mir stehenden Wecker; 4.25 Uhr! Schnell die Weckfunktion abstellen, denn diese steht auf 4.30 Uhr. Auf den schrecklichen Weckton kann ich verzichten, dann doch lieber durch Hahnenschreie aufwachen. Habe heute Morgen richtig Glück, das Wasser der Flurdusche wird schnell warm und bleibt es auch. Das kann ein guter Tag werden. Eigentlich wollte ich mir gestern Abend den Stallgeruch noch von der Haut brausen. Ich war aber so was von platt, dass es nur noch zum Zähneputzen gereicht hat.

So, ich muss mich beeilen, es ist 5.15 Uhr. Die Kühe müssen von einer höher gelegenen Bergwiese hinunter in den Stall getrieben werden. Mathias, der Senn und Markus der Hirte sind schon im Einsatz. Ich nehme mir einen Hirtenstab und eile hinauf zu den Kühen. Das Gras ist nass und die Hose klebt, bis hoch zu den Oberschenkeln. Der Kreislauf kommt schon nach wenigen Minuten in Wallung, das ist Frühsport im wahrsten Sinne des Wortes. Mit kurzen Kommandos, einem autoritären Blick, und immer mal wieder einen Klaps auf das Hinterteil der ein oder anderen Kuh, gelingt es uns gemeinsam die Kühe ohne Probleme in den Stall zu beordern. Sie sind eigentlich ganz brav und folgsam, unsere vierbeinigen Milchlieferanten. Ich habe auch das Gefühl, die haben sich schon an mich gewöhnt.

Mathias und ich arbeiten Hand in Hand. Ich melke die Kühe nach dem von Mathias erlernten Procedere vor. Also zuerst die Zitzen mit einem feuchten Tuch vorreinigen. Dann den Euter und die Zitze massieren. Danach die Kuh noch etwas liebevoll am Bauch streicheln und dann mit dem sog. Vormelken anfangen. Pro Zitze etwa dreimal einen vollen Milchstrahl in einem Gefäß auffangen. Diese Vormilch darf nicht verwendet, sondern muss weggeschüttet werden, weil sie besonders keimbelastet ist. Jetzt kann Mathias die Melkmaschine anlegen und ca. 7- 8 Minuten melken. In diesem Zeitraum wird bei der Kuh ein Hormon ausgeschüttet, welches den Melkvorgang erheblich erleichtert. Nachdem alle vierzig Kühe gemolken sind, geht es für diese wieder zurück auf die Bergwiese, danach erfolgt die Stallreinigung usw.. Nachdem dies erledigt ist, wird der Stalloverall abgelegt und die Gummistiefel werden ausgezogen. Mit original Allgäuer Holzpantoffeln geht es dann zum Hände-waschen mit Kernseife. Für die Käseküche sind eine weiße Schürze, weiße Gummistiefel und eine weiße Mütze obligatorisch. Auf die Hygienevorschriften wird peinlichst genau geachtet. Mathias beschäftigt sich intensiv mit der Herstellung von zwei neuen Laiben Bergkäse. Er hat abwechselnd am Käsekessel, an der Käsepresse und mit Käseformen zu tun.

Ich begebe mich in den Käsekeller, um mit Markus die Käseräder und die Romadourquader mit einer Salzlake oder einfach nur mit Quellwasser für die weitere Reifung zu bearbeiten. Endlich gibt es das sehnsüchtig erwartete Mittagessen: Frische Schweinshaxen, selbstgemachte Knödeln und Rotkraut. Dazu ein Hefeweissbier. So kann man es auf der Alpe aushalten. Ein dickes Lob für diese bayerische- kulinarische Höchstleistung von Marion.

Heute hat Mathias seinen großzügigen Tag. Er verlängert die Mittagspause für alle um ganze 15 Minuten. Wir sollen aber pünktlich sein, es geht zum Jungfichten entfernen. Diese Jungfichten gehen wild auf und beanspruchen kostbares Weideland. Das Gras bekommt kein Licht mehr und der Boden die Nährstoffe entzogen. Auf einer steilen Fläche von ca. 1000 Quadratmetern müssen diese, nicht gewollten, Pflanzen entfernt werden. Nach ungefähr 2 Stunden anstrengender Arbeit reicht es uns allen. Ein sog. Mottfeuer soll dem unerwünschten und nunmehr hochgestapelten Grünzeug den endgültigen Garaus machen. Leider stellt sich heraus, dass das Feuer nur schwer zu entfachen ist und ständig wieder ausgeht. Nach mehreren Fehlversuchen ist Mathias am Ende seiner Geduld. Es ist einfach zu nass, außer einem dichten weißgrauen Qualm tut sich nichts. Er gibt auf und kündigt die Aktion für einen der nächsten Tage an.

Zurück auf der Alpe gibt es eine deftige Brotzeit, mit Kaminwurzen und gekochtem Schinkenspeck, vom Alpenschwein. Der schmackhafte Bergkäse wird außerdem dazu gereicht und schmeckt auf frischem Schwarzbrot besonders gut. Die Krönung ist der selbstgebackene Bienenstich von Marion. Verhungern muss hier oben niemand; fast alle Produkte sind aus eigener Erzeugung und Verarbeitung. Mit Mathias vereinbare ich freiwillig den Schweinestall sauber zu machen. Dafür wurde ich von weiteren Arbeiten am späten Nachmittag und Abend befreit.

Gegen 19.00 Uhr begebe ich mich in meinem blauen Overall zu den zwanzig Hausschweinen im Schweinestall. Als sie mich kommen hören fangen sie bereits laut an zu quieken und sich gegenseitig rücksichtslos umzurennen. Sie denken es gibt etwas zu fressen. Das denken sie übrigens immer, wenn sich jemand nähert. Es ist ratsam bevor man sich in den Stall wagt, tatsächlich etwas Futter in den Trog zu geben, damit einigermaßen Ruhe herrscht und man die Schweinegülle ungestört aus dem Stall schieben kann. Gesagt, getan und jetzt rein ins Vergnügen. Neugierig sind sie aber trotzdem. Im Nu knabbern einige am Holzstiel meines Gülleschiebers. Andere Schweine beschnuppern meinen Overall und meine Gummistiefel. Wiederum andere zwicken mich in die Kniekehlen und ziehen am Hosenbein. Gott sei Dank, habe ich alles fest in die Schäfte der Gummistiefel gestopft, so dass alles schön dicht ist. Irgendwie unangenehm ist der Aufenthalt im Schweinestall schon. Wenn ich mir aber überlege, dass diese rosaroten Vierbeiner bereits in wenigen Wochen zu Schinken und Schnitzel verarbeitet werden, tun sie mir auch ein wenig leid.

So endlich der wohlverdiente Feierabend. Jetzt noch schnell meinen Tagesbericht schreiben. Um halb neun wollen Mathias, Markus und ich zusammen auf eine Nachbarhütte fahren und uns einen gemütlichen Abend machen. Es darf bloß nicht zu lange gehen, denn morgen früh um 4.30 Uhr ist die Nacht zu Ende.

 

 

2 Antworten zu “Senn auf Zeit – Tag zwei”

  1. Benjamin Winkler sagt:

    Respekt! Es scheint als ob der Horst wirklich was drauf hat. Körperlich muss man sich bestimmt ertsmal dran gewöhnen. Nur so früh könnt ich nicht raus 🙂

  2. Frau Maulwurf sagt:

    Ich wär wahrscheinlich total hinüber, aber a Freid hätt’s mir trotzdem g’macht 😀
    Dir weiterhin viel Vergnügen, deftige Mahlzeiten und frohes Schaffen, Horst!

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