Senn auf Zeit – der letzte Tag

07. Juli 2012

Ich kann verkünden, der Hahn lebt. Pünktlich um 4.00 Uhr hat er sich gemeldet. Jetzt bin ich aber erleichtert!

Heute bricht mein letzter Tag auf der Alpe Ornach an. Ich blicke aus dem Fenster und sehe, dass der Himmel noch klar ist. Über das Bolsterlanger Horn weht allerdings ein frischer Wind herab. Das Wetter wird wohl bald schlechter. Einen vorläufig letzten Sonnenaufgang möchte ich mir gönnen, deshalb starte ich die „Kuh-Rückholaktion“ heute etwas früher. Ich stiefele ganz hoch hinauf auf die Bergwiese, um dieses Mal garantiert keine Kuh zu übersehen. Es ist noch nicht mal halb fünf und noch ziemlich dunkel. Im Kopfkino lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Dabei schaue ich hinüber zum Grünten, unterhalb der Gipfelspitze ist er von Nebel umhüllt. Jetzt bloß nicht sentimental werden! Es war eine schöne Zeit hier auf der Alpe.

In Gedanken versunken scheuche ich die ersten Kühe auf und gebe ihnen die Marschrichtung vor. Richtung Füssen blickend sehe ich, wie sich der Horizont zunehmend
gelb-orange-rot verfärbt. Noch bin ich ganz allein mit den Kühen hier oben, ich treibe sie nicht weiter an. Ich genieße die unwirklich erscheinende Stimmung minutenlang.
Mittlerweile höre ich unten Mathias und Markus, wie sie die Kühe rufen und im unteren Teil der Alpwiese einsammeln. Mit gemeinsamen Kräften wird die Aufgabe nun erledigt.

Wir sind alle drei noch ziemlich müde, denn am Abend davor organisierte Mathias extra für mich einen Grillabend. Christa, Erich und Lorenz von der Alpe Hinteregg waren auch dabei und ich freute mich sehr, als ich die Drei wieder sah. Dabei waren auch Sonja, die Freundin von Markus und zwei weitere junge Leute, Freunde von Markus. Die Runde war eine gute Mischung von Jugendlichen und Erwachsenen. Ich, als Hesse allein mit so vielen Allgäuern. Was soll ich sagen: alles richtig herzige Menschen – unkompliziert, bodenständig, ehrlich im Umgang miteinander und mit einem ganz besonderem Charme ausgestattet. Gut, manchmal sind die Allgäuer etwas schwer zu verstehen, denn die Dialekte sind vielfältig. In fast jedem Tal hier gibt es etwas andere, ganz eigene, spezifische Dialektvarianten. Extra für mich wurde dann auch mal zwischendrin so etwas wie „hochdeutsch“ gesprochen. Eine wirklich nette Geste, fand ich!

Bei meiner Ankunft auf der Alpe hatte ich als Gastgeschenk ein Fünf-Liter-Fässchen original Odenwälder Apfelwein mitgebracht. An diesem Abend musste es dran glauben. Mit jedem Glas schmeckte das säuerlich-herbe Getränk besser. Zum Schluss trank fast die gesamte Runde das „Stöffche“ aus Hessen; ganz nach dem Motto: „Weg vom Weizen, hin zum Appelwoi“. Es war ein ausgesprochen schöner Abend hier oben in der Gaststube der Alpe Ornach von Familie Mathias und Marion Martin. Gegen ein Uhr in der Nacht löste sich die gesellige Runde auf. Für die meisten von uns war der Nachtschlaf nun auf maximal dreieinhalb Stunden begrenzt.

Zurück zum Freitagmorgen: Mathias beauftragt mich, das „Kleinvieh“ zu versorgen. Also raus mit den Hasen ins Freigehege. Außerdem die drei Jungenten aus dem kleinen Holzstall herauslassen, so dass diese ihr morgendliches Bad in einer alten, mit Wasser gefüllten Badewanne nehmen konnten. Ich öffne die Klappe vom Hühnerstall. Als erster stolziert der Hahn heraus, sein gefiederter Harem folgt ihm bei Fuß. Ein wirklich prächtiger Kerl baut sich da vor mir auf, nur das Rubihorn im Hintergrund erscheint mir momentan noch mächtiger.

So, jetzt gibt es noch Futter für alle – ein wirklich lockerer Job so zum Abschluss.
Die Schweine müssen auch noch gefüttert werden. Sie liegen müde auf dem Boden des Schweinestalls. Als sie mich bemerken, bricht auf der Stelle Unruhe aus. Ein heftiges Gequieke beschallt den Raum. Also schnell die Tröge mit Molke füllen, damit wieder Ruhe einkehrt.

Marion hat zwischenzeitlich das Frühstück gerichtet. Die frischen Eier von den eigenen Hühnern schmecken mir am Besten. Die Schale ist fest, der Dotter ist curryfarben und der Geschmack herrlich intensiv.

Nach dem Frühstück gehe ich mit Markus in den Kuhstall zum Ausmisten. Die Arbeit ist für mich schon Routine. Es gibt keine Berührungsängste mehr mit den Hinterlassenschaften der milchgebenden Vierbeiner. Das Schwätzchen zwischendrin mit dem eher stillen Hirten, lässt die Arbeit noch leichter von der Hand gehen.

Während wir beide mit den Stallreinigungsarbeiten beschäftigt sind, kümmert sich Mathias um die Käseherstellung. Die gemolkene Milch von gestern Abend und heute früh wird in einem über hundert Jahre alten Kupferkessel auf erst 32 Grad und später noch einmal auf 51 Grad erwärmt. Nachdem Mathias zu der Milch das Labpulver gegeben hat, bildet sich im Kessel eine puddingartige Masse. Diese wird mit einem Spezialschneider und bei ständigem Rühren von Hand auf Korngröße geschnitten. Diese „Käsekörner“ werden sodann mit einem Leinentuch und einer speziellen Technik aus dem Kessel heraus geschöpft und in die vorbereitete Form für das zukünftige Käserad gegeben und anschließend eingepresst.
Dies klingt hier alles sehr einfach, es sind aber im Detail sehr aufwändige und komplizierte Vorgänge zu bewerkstelligen. Hinzu kommen die selbst entwickelten Rezepturen für die einzelnen Käsesorten. Dies alles beherrscht nur ein erfahrener Senn – Mathias ist ein Meister seines Fachs. Seine Käsesorten sind mehrfach prämiert und mit entsprechenden Medaillen ausgezeichnet worden.

Mit Markus bestreiche ich im neuen Käsekeller ein letztes Mal den Romadourkäse mit einer Salzlake. Dieser Vorgang wiederholt sich innerhalb von sechs Wochen Tag für Tag. In etwa zehn Tagen ist er ausgereift und wird dem Kenner munden.

Der Abschied rückt näher. Ich gehe hoch in meine Kammer. Es ist ein kleines Zimmerchen mit allen nötigen Einrichtungsgegenständen. Der Panoramablick ist fantastisch.
Ich fange an zu packen. Dabei lasse ich meine Erlebnisse nochmals Revue passieren.
Mir fällt dabei auf, dass ich nicht einmal an Schule gedacht habe. Ja, der Kopf ist richtig frei geworden, die gestresste Psyche hat sich regeneriert. Das bisschen Muskelkater ist vernachlässigbar. Es hat mir an nichts gefehlt. Eine wunderbare Erfahrung, an die ich mich mein ganzes Leben lang zurückerinnern werde.

Mathias und Marion sind ganz liebe Leute, die mich herzlich in die Familie aufgenommen haben. Mein besonderer Dank gilt an erster Stelle ihnen.

Auch an Andrea vom Tourismusverbund der Hörnerdörfer ein großes Dankeschön, für die freundliche und unkomplizierte Betreuung während meines Aufenthaltes im wunderschönen Oberallgäu.

„Pfiad´na mitanond“ Euer Horst

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