Pilgern, Wandern, Genießen – auf dem historischen Walser Kirchweg im Allgäu

05. Juli 2016

Anfang Mai in Fischen. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die Morgensonne schimmert auf den Apfelbaumblüten, glitzert in der Fontäne des Kurparks und zeichnet die Silhouette der Berge glasklar an den zartblauen Himmel. Die Tür im Kurhaus schwingt energisch auf, ein kerniger, von Bergsonne braungebrannter Mann tritt ein und nimmt die Sonnenbrille ab. Er hat einen kräftigem Händedruck, ein breites Lächeln und heißt Hans-Peter Schmid. Für unsere kleine Gruppe, die sich für das neue Wanderangebot der Hörnerdörfer „Auf alten Pilgerpfaden – der Walser Kirchweg“ angemeldet hat, ist der gutgelaunte Mann mit der Sonnenbrille einfach Hans-Peter, unser Wanderführer.

Eine kurze Fahrt in eine lange Vergangenheit
Ausgerüstet mit festen Wanderschuhen, Rucksack, Kamera und Getränkeflaschen machen wir uns auf die Fahrt, denn zunächst geht es mit dem Zug nach Oberstdorf und dort in den Bus Richtung Unterwestegg im Kleinwalsertal. Denn ungefähr von hier, aus der Gegend um Rietzlern und Baad, sind die Walser losmarschiert. Jeden Sonntag. Zur Heiligen Messe nach Fischen. Ihren rund 20 Kilometer langen Kirchgang wollen wir „nachpilgern“.
Einst zogen die Walser aus dem Wallis über den Lago Maggiore, den Comer See bis ins große und schließlich ins kleine Walsertal. Mit Kind und Kegel, mit Hab und Gut und Vieh. Es war eine lange, mühsame Reise bis sie für sich und die ihren einen neuen Platz zum Leben fanden.

Heilsame Kräuter und sahnige Milch
In Unterwestegg queren wir die Brücke nach Außerschwende. Beim Blick gut 90 Meter in die Tiefe kann einem fast schwindlig werden, aber die Breitach rauscht hier so schön der Breitachklamm entgegen, dass man´s doch wagt. Dafür erheben sich vor unseren Augen hoch und höher die Berge des Kleinwalsertals. Ein majestätischer Anblick, diese Riesen, mit schroffen Gipfeln, die noch strahlendweiße Mützen tragen.

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg
Auf unserem Weg ist von Schnee keine Spur. Es geht sanft bergauf durch eine Blütenpracht aus samtblauen Enzian, lila Knabenkraut und goldgelben Trollblumen. Hans-Peter ist mit den Bergkräutern auf Du und Du und weiß auch, dass die Natur mit Spitzwegerich, Kriechendem Günsel, Pestwurz und all den anderen hübschen und duftenden Pflanzen gleichzeitig eine wirksame Hausapotheke eingerichtet hat.

Walser Kirchweg

 

 

 

 

 

 

 

Walser Kirchweg

Allgäuer Bergkräuter tun gut – und schmecken auch als Likör.

Ein besonderes „Wundermittel“ bekommen wir an einem traumhaften Aussichtspunkt im „Schmalzloch“ zum Probieren: Hans-Peter bietet Latschenkiefernschnaps an, selbstgemacht, aus oberhalb von 2000 Metern selbstgepflückten jungen Kiefernzapfen. Er schenkt ein Fingerhütchen Likör ein und rät mit einem Augenzwinkern: „Wer von dem mit 90 Jahren täglich trinkt, wird uralt!“ Zum Schmunzeln, aber durchaus wörtlich gemeint, ist auch die Erklärung für den seltsamen Namen Schmalzloch. Die Wiesen in dieser Senke seien sehr fruchtbar, erzählt man, so dass die Milch  der hier geweideten Kühe derart gut, fett und rahmig wurde, dass ein Löffel im Melkeimer glatt stehen blieb.

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Das „gestrickte“ Holz eines Walserhauses

Freiheitsrechte und gestricktes Holz
Mehr noch als die schöne Lage, war der gute Boden ausschlaggebend für die Walser, sich gerade hier niederzulassen. Und die Tatsache, dass sie von den Landesherren weite Freiheitsrechte erhielten, wie die Entbindung von Steuer oder Kriegsdienst und der feudalen Leibeigenschaft. Im Gegenzug machten die „Freien Walser“ die hochgelegenen Bergregionen urbar und wussten geschickt zu wirtschaften. Sie bauten Häuser auf Steinsockeln mit kunstvoll verschränkten Balken, denn Nägel waren rar und teuer. Es entstand ein eigener Stil, den man „gestricktes Holz“ nennt. Am Straußbergweg entlang in Richtung „Ewigkeit“ passieren wir einige dieser Walserhäuser, samt den dazugehörigen Ställen und dem Armenhaus. Der Straußbergweg endet am Straußberghof, wo wir dem geschotterten Pfad weiter in Richtung Tiefenbach folgen, zum nächsten Etappenziel: der Ewigkeit.

Ein Spaziergang durch die Ewigkeit

Walser Kirchweg

Sanfter Weg und sagenhaftes Panorama

Sanfter Weg und sagenhaftes Panorama

„In der Ewigkeit“ angekommen, erreichen wir eine der schönsten Stellen an diesem Frühlingstag und auch eine Schlüsselstelle des Kirchwegs, denn der schmale Pfad hinunter in den Tobel – mittlerweile etwas verbreitert und gut zu gehen – war früher recht gefährlich und habe wohl auch den einen oder anderen Kirchgänger in die christliche Ewigkeit heimgeholt, meint Hans-Peter.

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Vom Straußbergweg in Richtung Ewigkeit

Die Frage stellt sich, warum die Walser diesen beschwerlichen Weg wählten und die Antwort lautet: Es war der einzige. Die Walser hatten bis etwa 1390 keine eigene Kirche im Kleinwalsertal. Diejenigen, die links der Breitach siedelten, gehörten zum Bistum Konstanz, dessen nächste Kirche eben in Fischen stand. Und der Besuch der Messe war den Menschen ein tiefes Bedürfnis und er war ein kirchliches Gebot. Dass die Walser sich nur in der Apotheke neben der Kirche mit einer Wochenration Tabak eindecken konnten und deshalb sonntags brav nach Fischen marschierten, klingt so profan wie plausibel. „Es ist aber wohl nur eine erfundene Anekdote“ wie Hans-Peter schmunzelnd einschränkt.

Brotzeit mit Aussicht garniert
Unten queren wir über eine kleine Brücke den Hörnlebach, der jetzt ganz munter dahinplätschert. Das Geröll und die Abbrüche an der Passage beweisen aber wie zerstörerisch Wasser und Eis über den Winter wüten können.

Die Brücke am Hörnlebach - der Winter sorgt immer für Abbruch.

Die Brücke am Hörnlebach – der Winter sorgt immer für Abbruch.

Wir steigen wieder bergan, entdecken junge Weißtannen, es duftet nach Brennnesseln und Hans-Peter zeigt gen Himmel: „Da, schauts. Ein Adler!“ und tatsächlich, im klaren Himmelsblau kreist ein Adlerweibchen in die hohen Luftschichten, um sich von der Thermik tragen zu lassen.

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg

Im strahlenden Himmelsblau kreist ein Adlerweibchen.

Uns trägt zwar kein Rückenwind, aber eine Einkehr auf der Alpe Hinter der Enge beflügelt auch unsere Schritte. Zuerst weist das Schild zur Alpe Hinterenge II, wir aber gehen weiter zur Hinter der Enge I.

Das Wegstück bis zur Einkehr auf der Alpe.

Das Wegstück bis zur Einkehr auf der Alpe.

Eine liebevoll restaurierte Alpe, die sich dem Qualitätsversprechen des „Allgäuer Alpgenuss e.V.“ verpflichtet hat. Man hat uns nicht zu viel versprochen: An der Tür heißt einen ein „Griaß di“-Herz willkommen, in der Stube hängt eine prächtige Viehscheidglocke und die reschen Brote, dick belegt mit Hirschsalami und Bergkäse, sind gleichsam garniert mit einem schlicht sagenhaften Panorama.

Eine Alpe, wo man sich zuhause fühlt - Alpe Hinter der Enge

Eine Alpe, wo man sich zuhause fühlt – Alpe Hinter der Enge

Der Fellhornrücken erstreckt sich zur Kanzelwand, der Große Widderstein thront mittig und das Ifen-Massiv mit seiner charakteristischen Silhouette liegt da wie gemalt.

Eine Kathedrale der Berge
Gestärkt und tief beeindruckt wandern wir nun bergab zur Breitach. Hier könnten wir nun durch die Klamm gehen, aber wir entscheiden uns für das lichte Weidach. Am Ufer des glitzernden Flusses schlendern wir weiter, nachdem wir einen Blick in die Breitachklammkapelle geworfen haben.

Walser Kirchweg

Licht- und Schattenspiel im Weidach entlang der Breitach

Licht- und Schattenspiel im Weidach entlang der Breitach

Am Portal der Kapelle hängt ein geschnitzter Heiliger Christopherus, der der Legende nach die Last der Welt gespürt hat, als er das Christuskind auf seinen Schultern durch einen reißenden Fluss trug. Ziemlich passend an dieser Stelle, denn hier wütete vor einigen Jahren ein Hochwasser, das den Auwald überschwemmte und weswegen man die Fahrstraße sicherheitshalber um einige Meter anhob. Das Ende unserer Wanderung wäre ja eigentlich die Kirche St. Verena in Fischen, aber wir wählen stattdessen eine andere „Kirche“, die Judenkirche.

Der imposante Steinbogen der Judenkirche - schon immer ein mystischer Platz.

Der imposante Steinbogen der Judenkirche – schon immer ein mystischer Platz.

Eigentlich heißt der Platz „In den Kirchen“, durch einen Lesefehler von „i“ und „n“ in der Sütterlinschrift wurde daraus die „Judenkirche“. Die Judenkirche ist ein imposanter Steinbogen, weit aufgespannt und gesäumt von alten knorrigen Bäumen, deren Wipfel eine grüne Kuppel bilden und zum andächtigen Staunen einladen. Es ist geradezu eine Kathedrale für die Schönheit der Allgäuer Bergwelt.

Eine Kathedrale der Allgäuer Berge - die Judenkirche

Eine Kathedrale der Allgäuer Berge – die Judenkirche

Ein Panorama für Prinzen
Es geht weiter und während wir den Ochsenberg auf halber Höhe queren, erfahren wir von Hans-Peter, dass einige Schritte weiter der Hermannstein liegt, auch dies ein religiös bedeutsamer Ort. Leider in einem unschönen Kontext, denn in den Konfessionskämpfen des Dreißigjährigen Krieges sollen sich hier die Bewohner von Langenwang vor den marodierenden schwedischen Truppen versteckt haben.

"Prinzen" in Pastell - Oldtimertreffen am Jägersberg

„Prinzen“ in Pastell – Oldtimertreffen am Jägersberg

Am Berggasthof Jägersberg bietet sich erneut ein phantastischer Blick auf das obere Illertal. Davor stehen etwa ein Dutzend herausgeputzter „Prinzen“ in blankpolierten pastellfarbenen „Rüstungen“ Spalier. Den hübschen Anblick dieser automobilen Ehrengarde verdanken wir einem Oldtimertreffen und die Freunde der Neckarsulmer Prinz-Limousinen hätten sich keinen besseren Platz suchen können, um ihre Schmuckstücke in Szene zu setzen.

Mitten in der Wiese: ein Bänkle, um das Panorama der Allgäuer Berge zu genießen.

Mitten in der Wiese: ein Bänkle, um das Panorama der Allgäuer Berge zu genießen.

Weiter geht es über eine sattgrüne Wiese wo mittendrin am Hang ein Bänkle steht. Wie gemacht für ein kleines Innehalten, einmal kurz den Rucksack ablegen und das Panorama mit Herz und Kamera einfangen. Ein paar Rehen scheint es auch zu gefallen, sie zupfen sich gemütlich frische Gräser bevor sie mit flinken Sprüngen wieder im Wald verschwinden.

Alte Wege, neue Freundschaft
Die Religionsquerelen des dreißigjährigen Krieges sind gottlob vorbei, und Bistumsgrenzen sind für einen Gottesdienstbesuch ebenfalls kein Maßstab mehr, aber der Walser Kirchgang ist in diesem Stückchen Allgäu immer noch präsent. Das Walserdütsch unterscheidet sich deutlich zum Allgäuerisch, die Tracht und die Art ihre Häuser zu bauen sind auch ganz unterschiedlich, aber es besteht eine alte Verbundenheit. Als anlässlich der 1150-Jahr-Feier Fischens der Walser Kirchweg wieder aufgenommen wurde, spürte man auf Anhieb eine tiefe Sympathie zueinander, erzählt uns Hans-Peter.

Nein, heute ist es keine Strapaze mehr, den Weg aus dem Kleinwalsertal nach Fischen zu gehen, aber es ist immer noch eine Wanderung die Ehrfurcht weckt: Vor der erhabenen Schönheit der Natur, der Zeitlosigkeit der Berge und es ist ein Weg, der der Seele einfach wohltut.

Herzliche Grüße
Eure Susanne vom Team Hörnerdörfer

Walser Kirchweg

Walser Kirchweg
In den Hörnerdörfern werden noch weitere geführte Wanderungen und Radtouren mit gesundem, meditativem und spirituellem Fokus angeboten. Die Gästeinformationen geben gerne Auskunft. Oder man informiert sich hier: www.hoernerdoerfer.de/veranstaltungen-fuer-ihre-gesundheit

Eine Antwort zu “Pilgern, Wandern, Genießen – auf dem historischen Walser Kirchweg im Allgäu”

  1. Glassesshop sagt:

    Nein, heute ist es keine Strapaze mehr, den Weg aus dem Kleinwalsertal nach Fischen zu gehen, aber es ist immer noch eine Wanderung die Ehrfurcht weckt: Vor der erhabenen Schönheit der Natur, der Zeitlosigkeit der Berge und es ist ein Weg, der der Seele einfach wohltut.

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