Horst Saemann der Senn auf Zeit – Tag eins

03. Juli 2012

Aller Anfang ist schwer

Finale der EM bis zum Ende geschaut, dann noch alles gepackt für den „Senn auf Zeit“. Schließlich ist es gleich 1.00 Uhr als ich ins Bett komme. In wenigen Stunden geht“s los; ab ins Allgäu, hoch auf die Alpe Ornach, oberhalb von Bolsterlang. Mit einem in der Frequenz schrill ansteigenden Summton, weckt mich mein Wecker um 4.00 Uhr. Verdammt noch mal, bin ich noch müde. Alles hilft nichts, ich muss mich sputen. Um 9.00 Uhr bin ich mit Andrea, von Hörnerdörfer Tourismus, an der Talstation der Hörnerbahn, nahe Bolsterlang verabredet.

Um 5.30 Uhr fahre ich los. Der Urlaubsverkehr Richtung Süden ist auch schon reichlich vorhanden. Hoffentlich schaffe ich die Strecke, von genau 372 km, in der noch verbleibenden Zeit. Dreieinhalb Stunden später, auf die Minute pünktlich, werde ich von Andrea und ihrer Tochter – der kleinen Lea – freundlich am Ziel meiner Fahrt begrüßt. Jetzt geht es, vollbeladen mit meinem Gepäck, erst zur Seilbahn und dann ca. 300m zu Fuß zur Alpe Ornach. Hier erwarten mich die Mitglieder der Sennfamilie, Mathias, Marion und der eineinhalbjährige Tobias. Außerdem begrüßt mich ein ebenfalls auf der Alpe tätiger Hirte und stellt sich als Markus vor.

Es dauert nicht lange und schon geht’s los. Mathias meint, ich solle in der Käseküche erst mal zuschauen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen und mich einzufinden. Erste neugierige Fragen von mir, werden prompt mit einem souveränen Lächeln beantwortet. Man merkt sofort Mathias ist ein Profi in seinem Metier. Jetzt muss ich das erste Mal ran. Frisch gewonnene Butter kommt in eine Hohlform mit einem Blütenmuster. Wir machen Arbeitsteilung; Mathias füllt und entformt die Hohlform und ich schlage die Butter in ein Lebensmittelpapier ein, ohne den schönen Blütenmuster- Abdruck zu zerdrücken. Noch ist alles ganz easy, aber das sollte bald anders werden.

Ausmisten des Kuhstalls ist plötzlich angesagt. So ein Kuhstall, der zweimal am Tag zum Melken vierzig ausgewachsene Kühe beherbergt, hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Aber was soll“s, Gummistiefel anziehen und ran an den Mist. Na ja, sieht nicht ganz so lecker aus und der Stallgeruch ist mehr als gewohnheitsbedürftig. Jetzt bloß locker bleiben und die Arbeit erledigen, denke ich mir. Das 4-Sterne Wellness-Hotel, im Anschluss an die Zeit auf der Alm, will verdient sein. Markus der Hirte reicht mir einen Holzschieber. Damit wird die Gülle in zwei ca. 40 cm breite Kanäle im Boden geschoben. Wenn diese soweit mit Kuhmist voll sind, kommt eine Art „Schneeschieber“ zum Einsatz. Die Kanäle fungieren dann zu einer Art „Rutschbahn“. Durch das Schieben entsteht ein ordentlicher Gülleberg, der dann mit ordentlich Kraft und Schwung, durch eine Wandöffnung, auf den darunter liegenden Misthaufen befördert wird.

Jetzt holt Mathias einen sogenannten Klauenstand. Zwei Kühe haben Geschwüre an ihren Hufen, die behandelt werden müssen. Der Klauenstand ist vom Prinzip her ein Gestell, welches von hinten über die Kuh geschoben wird. Die Kuh wird darin fixiert, so dass sie relativ unbeweglich wird. Der zu behandelnde Lauf wird an einem Band festgebunden und mit einer Art Seilwinde hochgekurbelt und festgestellt. Jetzt kann der Huf ausgekratzt und das Geschwür problemlos behandelt werden.

Zum Mittagessen gibt es Weisswürste und Wiener, dazu Brez“n oder Brot. Die ganze Familie, der Hirte und ich sitzen am Mittagstisch. Neben mir räkelt sich der Hauskater auf einer Decke. Irgendwie eine schöne und idyllische Atmosphäre. Nach der Mittagspause ist Unkrautmähen mit der Sense das aktuelle Thema. Mathias und Markus schärfen die Sensen mit einem Wetzstein. Jetzt geht es los. Ein Stück durch den Bergwald und dann hinauf auf eine ziemlich steile Wiese, auf der große Flächen mit Farnen und Unkräutern „abgesäbelt“ werden müssen. Nach ca. 20 Minuten am steilen Hang empfinde ich die Luft noch schwüler als vorher, Schweißperlen stehen mir auf der Stirn. Ich schwitze mittlerweile ordentlich. Stechmücken nehmen dies wahr und piesacken mich nunmehr ständig. Ich stelle fest, es gibt durchaus schönere Arbeiten, als Unkrautsensen am Hang; dennoch die Bergsicht auf den Allgäuer Hauptkamm ist grandios und entschädigt für die Strapazen.

Jetzt geht es zurück zu einer Brotzeit. Marion hat besten Bergkäse, leckeren Schinkenspeck, und Hirschbeißer – alles aus eigener Herstellung – gerichtet. Dazu gibt es eingelegte Gurken, Tomaten und Zwiebeln. Ich genehmige mir dazu ein Hefe-Weizen. Außerdem gibt es selbstgebackenen Apfelkuchen. So lässt es sich aushalten. Nach der Brotzeit werden die Kühe zum Melken zurück in den Stall gebracht. Bei vierzig Kühen ein nicht ganz so einfaches Unterfangen. Zu dritt und mit der manchmal nötigen Stock-Autorität geht es aber dann doch problemlos.

Als ich höre, dass ich selber Melken soll, wird mir dann doch etwas angst und bange. Mathias reicht mir einen Arbeitsoverall und eine Mütze. Dieses Kleidungsequipment dient zum einen dazu, sich vor Zecken zu schützen. Es soll aber auch ein Schutz davor sein, dass eine Kuh sich in dem Moment „löst“, in welchem man gerade an ihrem Hinterteil vorbeiläuft oder sie gerade melkt. Ach ja, das Melken! Mathias macht es vor. Erst die Zitzen säubern, dann die erstgewonnene Milch nicht verwenden, dann so melken, dass es im Edelstahleimer richtig schäumt. Dabei mit Zeigefinger und Daumen den Ansatz der Zitze zudrücken, um dann die restlichen Finger nacheinander zu schließen und die Milch fließen zu lassen. Leichter gesagt und vorgemacht, als getan. So zwischen zwei schweren Kuhleibern auf einem Melkschemel zu sitzen, die Körperwärme der Viecher zu spüren und zu wissen, dass diese 400, 500 oder gar 600 kg schwer sind und auch treten, sich drehen oder gar hinlegen können, lässt bei mir keine direkte Entspannung aufkommen. Nach mehren erfolglosen Versuchen kommt endlich ein hauchdünner Strahl Milch und verliert sich im Eimer. Es wird aber immer besser, der Milchstrahl wird kräftiger und die Kuh dreht ihren Kopf wohlwollend in meine Richtung, als wolle sie sagen „endlich hast du“s kapiert“. Wirklich sehr geduldig und gutmütig, dieses Allgäuer Braunvieh.

Nach ca. zwei Stunden Arbeit zu dritt und mit Hilfe einer Melkmaschine sind schließlich alle Kühe gemolken. Es ist zwischenzeitlich 19.00 Uhr. Schön, wenn jetzt irgendwie Feierabend wäre. Ich muss ja auch noch meinen Tagesbericht schreiben, der ins Internet gestellt werden soll. Doch Mathias hat noch eine Abschlussaufgabe für mich, sozusagen die Krönung des Tages: Den Schweinestall ausmisten. Zwanzig Schweine sollen die Nacht in einem sauberen Stall verbringen. Was soll“s, denke ich, du bist schließlich „Senn auf Zeit“ und das sind halt die täglich anfallenden Arbeiten auf einer größeren Sennalpe.

Noch bevor ich den Schweinestall sehe, rieche ich ihn. Nicht unbedingt etwas für feine Städternasen. Im Stall selbst ist der Geruch noch strenger, man gewöhnt sich aber schnell daran. Nach ca. einer halben Stunde habe ich die Arbeit zur Zufriedenheit von Mathias erledigt. Mittlerweile ist Nebel aufgezogen. Eine sonderbare Mystik umgibt die Alpe. Plötzlich fängt“s an zu schütten wie aus Kübeln. Das Prasseln des Regens klingt monoton und trotzdem irgendwie schön. Hier oben lebt man mit der Natur und akzeptiert sie, in all ihren Facetten.

Heute übernachte ich auf 1400m Höhe über NN. Ich freue mich auf einen tiefen und erholsamen Schlaf.

 

2 Antworten zu “Horst Saemann der Senn auf Zeit – Tag eins”

  1. Karin Langsch sagt:

    Gespannt haben wir schon auf den Bericht von Horsts erstem Arbeitstag gewartet, der diese Tage mit vollem Engagement und Einsatz erleben und überstehen, aber auch genießen wird. Besonders gefallen hat uns der Bericht und das Foto vom „Melken“. Wir sind sicher, dass du, lieber Horst, bis Freitag noch viele Kühe glücklich machen wirst! Viel Spaß noch, wir freuen uns auf den nächsten Bericht!
    Karin und Lothar

  2. Benjamin Winkler sagt:

    Das hört sich wirklich toll an! Sehr beneidenswert, würde ich auch gern einmal machen!

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