Herbstgefühle

25. September 2013

Tollkirschen im September im Allgäu

Es hat schon jedes Jahr etwas ganz Eigenes, wenn die Viehscheidzeit einkehrt. Und auch heuer kam wie schon so oft bei uns in den Bergen zeitgleich der erste Neuschnee über 1000 Meter. Wenn ich die Natur beobachte, zeigt sie mir mit vielen Zeichen, dass der Herbst Einzug hält. Viele Pflanzen sind mir im Laufe des Jahres sehr vertraut geworden und ich konnte ihr Wachsen und Blühen im Jahreslauf beobachten. Bei „meiner“ Tollkirsche am Ofterschwanger Horn leuchten mir jetzt die glänzenden Beeren entgegen. So schön und doch so giftig, geht es mir durch den Sinn. Wussten Sie, dass ihr Wirkstoff Atropin in der Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung genutzt wird und dass schon früher der Saft der Tollkirsche von manchen Frauen mit Wasser verdünnt in die Augen geträufelt wurde, um die Pupillen weit und glänzend zu machen? Aber bitte nicht nachmachen!

Verblühte Weideröschen.

Verblühte Weideröschen.

Gleich daneben steht in einer Gruppe das Schmalblättrige Weidenröschen. Anfang August war hier ein rosafarbenes Blütenmeer. Den Gästen auf meinen Kräuterwanderungen erzähle ich dann immer, dass es auch Feuerbrand oder Trümmerblume genannt wird, denn: Es gehört zu den ersten Pflanzen, die nach Kahlschlägen, Feuer oder sogar nach dem Krieg in den zerbombten Städten wieder wachsen und uns an die Unzerstörbarkeit und Regenerationskraft der Natur erinnern. Auf meinen Fotos haben sich die Fruchtkapseln schon geöffnet und die Früchte hängen wie lauter grau gewordene Haare an den Pflanzen. In der Dämmerung könnte einem beim Vorbeigehen fast unheimlich werden, sagt meine Pflegetochter.

 

Eberesche

Eberesche

Hinter dem grauen Geisterheer leuchten mir die korallenroten Früchte der Eberesche entgegen. Als Kind erzählte man mir, dass die Vogelbeere, wie sie auch genannt wird, giftig sei. Heute weiß ich, dass dies nicht stimmt. Wer allerdings eine größere Menge Beeren essen würde, bekäme Bauchweh und Durchfall. Allerdings schmecken die Vogelbeeren so säuerlich-bitter, dass man sowieso nicht viel davon versuchen will. Durch Trocknen und Kochen und nach dem ersten Frost verlieren die Vogelbeeren ihren herben Geschmack und ich mache einen Likör, eine Marmelade oder ein Mus daraus. Unsere Vögel lieben diese Beeren und können gar nicht genug davon bekommen, so dass man sie in früheren Zeiten damit in Fallen locken und fangen konnte. Ich erinnere mich, wie Kräuterpfarrer Künzle in seinen Schriften über die Vogelbeere sagt: „Sie besitzt eine unvergleichliche Heilkraft bei Heiserkeit und gänzlichem Fehlen der Stimme“. Die Anwendung ist sehr einfach: Man siedet etwa zwei Handvoll frischer oder getrockneter Beeren in einem Liter Wasser, eine Stunde lang, dann gurgelt man mit dem Absud täglich dreimal. Ich habe es selber schon mit Erfolg ausprobiert.

Ich wünsche Ihnen schöne Herbsttage und hoffe, dass sich eine alte Bauernregel nicht bewahrheitet, in der es heißt: „Gibt’s an Michaeli (29.September) viel Sonnenschein, wird’s in zwei Wochen Winter sein.“

Eine Antwort zu “Herbstgefühle”

  1. Liebe Manuela,

    was für ein schöner blog!!! Jetzt kann ich an deinen Wanderungen teilhaben, auch wenn ich mehr als 650 km entfernt bin 🙂
    Viele liebe Grüße
    Moni aus Bad Münder

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