Bärbele-Treiben: Schaurige Larven und rumpelnde Schellen

23. November 2013

Schaurige Gestalten hetzen durch die winterliche Nacht, begleitet von ohrenbetäubendem Schellengeläut: Bald ist wieder Klausenbärbele-Treiben im Oberallgäu. Doch was steckt eigentlich hinter dem Brauch, sich alljährlich am 4. Dezember als junge Frau sich mit einer schaurigen Maske – einer „Larve“ – das hübsche Gesicht zu „verunstalten“ und sich in alte Kleider und Schürzen zu hüllen? Was fasziniert heute noch am Brauch, vorchristliche Riten mit christlichen Attributen vermischt, zu pflegen? Nun, das will ich Ihnen gern verraten, denn ich bin selbst ein echtes Klausenbärbele der Hörnerdörfer. Eigentlich darf ich das gar nicht verraten – aber erkennen werden Sie mich beim Bärbeletreiben hinter meiner Larve sowieso nicht…

Zunächst ein Blick auf den Termin: Der 4. Dezember galt in früherer Zeit als Gabentag. Deshalb bekommen Kinder auch heute noch Geschenksäckchen an diesem Tag überreicht. Und bis heute treiben sich in Au-Thalhofen, Langenwang, Fischen und vielen anderen Orten im Oberallgäu, als „alte Weiber“ verkleideten „Fehla“, also unverheiratete Mädchen und junge Frauen, mit Schellengeläut durch die vorweihnachtlich geschmückten Dörfer. Warum? Nun, wir sollen symbolisch die Geister und Dämonen der dunklen Winterszeit vertreiben.

Auch heuer wird es am 4. Dezember mit Eintritt der Dämmerung wieder soweit sein: Dann ziehen wir Bärbele von Haus zu Haus und fegen symbolisch mit unseren Ruten alles Böse und Unanständige aus den Stuben und den Höfen. Zugegeben, unsere selbst gebundenen Weidenruten kommen ab und zu auch bei unartigen Jungs oder zickigen Mädels zum Einsatz… Unsere rumpelnden Schellen künden uns schon vom weitem an und flößen den Kindern ganz schönen Respekt ein – daran erinnere ich mich noch zu gut aus meiner eigenen Kindheit!

Wer brav war und ist, braucht sich aber vor uns nicht zu fürchten, Kindern schenken wir, wenn sie ein hübsches Lied singen, ein Gedicht vortragen, musizieren oder eine Geschichte erzählen ein Säckchen mit kleinen Geschenken. Bei den Besuchen gibt es oft Getränke, Plätzchen oder auch warme Speisen. Teilweise dürfen wir „alten Weiber“ sogar in den geheizten Stuben der Bewohner sitzen und uns bei einem Glühwein wieder aufwärmen. Das „Üsschealle“, bei dem etwa zehn Minuten mit den Schellen ohne Unterbrechung geläutet wird, leitet schließlich das Ende des Bärbele-Springens ein. Danach freut sich jede Einzelne schon wieder „uf ´d Bärbeldag nägsch Johr“.

Ich selbst war übrigens 15 Jahre jung, als ich den ersten Bärbeletag in Au-Thalhofen erleben durfte. Dabei sind die Vorbereitungen zum wilden Treiben am 4. Dezember ganz schön aufwändig, denn Masken und Kostüme stellen wir selbst in Handarbeit her. Als erstes wird aus Gips eine Maske direkt ans Gesicht angepasst. Weiters werden dann Tannenzapfen, Moos, Beeren und andere Waldutensilien gesammelt, getrocknet und anschließend verarbeitet. Sobald der Gips und die Tannenzapfen trocken sind, werden die einzelnen Schuppen der Zapfen auf die Gipsschalen geklebt. Hinzu kommt ein bisschen Moos, eventuell ergänzt um einige rote Beeren. Damit ist das Grundgerüst der Maske fertig. An die Masken-Innenseite wird nun ein Kopftuch zur Befestigung angeklebt. Auf das Kopftuch nähen wir Bärbele Hanf vom Installateurbetrieb auf und beschönigen diese Haarpracht mit Flechtfrisuren. Bei Kleid und Schürzen wurde ich im Fundus meiner Oma fündig.

Was aber macht den eigentlichen Reiz am Bärbeletreiben aus? Für mich sind es zum einen die Pflege eines uralten Brauches und das gesellige Beisammensein. Und, ich gebe es zu, zum anderen ein klein bisschen auch die Schadenfreude, einmal so richtig Angst einflößend wirken zu dürfen… .

Sandra Kasper, 21 Jahre

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